Bei schönstem Wetter in LA gelandet, verschaffe ich mir einen kurzen Überblick, suche mein Gepäckband und die Busverbindung nach Santa Monica, wo sich mein Hostel befindet. In den Bus steigen unterwegs auch allerlei düstere Gangster ein und ich hoffe, dass hier heute Nachmittag keiner mehr Bock auf einen Amoklauf hat.
Mein Hostel liegt nur eine Querstraße vom Santa Monica Pier und dem Strand entfernt. Die Ausstattung ist super und ich freue mich über meine Wahl. Ich beziehe gerade das Zimmer, als 2 Jungs rein kommen und sich in spanisch unterhalten. Auf meine höfliche Vorstellung hin entgegnet einer der Jungs lapidar: „Ach.. auch Deutscher. Ja dann können wir ja auch deutsch miteinander reden.“ Sein Name ist Martyn und er ist Exil-Holländer der seit seiner Kindheit in Hamburg wohnt. Wir beschließen für den nächsten Tag gemeinsam eine supi-dupi-touristische LA-Stadtrundfahrt zu buchen, die uns u.a. nach Beverly Hills, Bell Air, Sunset Blvd, Hollywood, Mulholland Drive und zu den Universal-Studios führt. Schnell raus, Bilder machen, Kopf schütteln, wieder einsteigen. Die Stars wussten wohl, dass wir kommen und sind verreist.
Wieder zurück im Hostel treffen wir auf Rachel und Jamie, zwei Girls aus was weiß ich denn woher, John aus Irland und Steffen aus Nürnberg. Wir wollen den Abend miteinander verbringen und brauchen erst einmal ein wenig Alkohol. Ich fahre mit Martyn und den Mädels zum Supermarkt und diese greifen zielsicher zum Vodka und zu Redbull. Ich überlege noch kurz warum das evtl. keine gute Idee ist, aber es will mir einfach nicht einfallen. Zurück im Hostel sind die beiden anderen Jungs plötzlich verschwunden. So gehen nur wir restlichen 4 an den Strand und klettern auf einen Baywatch-Turm, da hier abends die Treppen entfernt werden (Anm. d. Red.: Warum wohl? Eben damit keine Touristen auf den Turm gehen.). Hier mixen wir den Vodka mit Redbull in einer leeren 2 Liter-Wasserflasche, da es in den USA strikt verboten ist mit Alkohol in der Öffentlichkeit rum zu laufen. Als ich am nächsten Morgen aufwache fühlt sich mein Kopf an wie eine Abrissbirne. Ich gehe in den Innenhof des Hostel und versuche mit Hilfe eines starken Kaffees das Karussell in meinem Kopf anzuhalten. Da kommt Jamie auf mich zu und als ich ihr die Hand zur Begrüßung geben will umarmt sie mich stürmisch und lacht sich kaputt. Ich überlege gerade noch was hier los ist und da fragt sie mich, ob ich mich denn nicht mehr an gestern Nacht erinnern kann. Ich schaue sie etwas ängstlich an und sage, dass ich leider gerade noch weiß wie wir auf diesen Turm am Strand geklettert sind. Da lacht sie noch lauter und beginnt zu erzählen.. ich ohne jeglichen Fluchtgedanken auf dem Baywatch-Turm im Lichtkegel eines Polizeihubschraubers, ich beim Sturz vom Turm kopfüber in den Sand ohne mich aufzufangen, ich auf einer 4 spurigen Kreuzung wie ich den Verkehr regle, ich wie ich die Finger zu einer Pistole geformt aus dem Fahrstuhl springe, die Tür zum Fernsehraum auftrete und mit einer Rolle vorwärts in den Raum hechte. Sie meint, soviel Spaß hat sie noch nie gehabt und drückt mich erneut. Ich sitze inzwischen mit weit aufgerissenen Augen da und verstehe jetzt wo der Sand in meinen Ohren herkommt. Ganz plötzlich weiß ich auch wieder warum das mit dem Vodka und dem Redbull keine gute Idee war. Na immerhin gab es keine Verletzten und ich trinke sowieso nie wieder. Ich chillaxe den Rest des Tages am Venice Beach und schau den ganzen Sportbesessenen zu.
Am Nachmittag des nächsten Tages fragt mich Martyn, wie genau nochmal meine Pläne für die nächsten 2,5 Wochen aussehen. Ich erzähle ihm erneut von dem Roadtrip, den ich machen möchte und er überlegt kurz. Dann entgegnet er, dass er ja schon doof wäre, wenn er da nicht mitkommt und ruft am Flughafen an. Da hatte er nämlich schon sein Gepäck online eingecheckt, da eigentlich in 4 Stunden seine Maschine nach Miami gehen soll. So schön bekloppt – ich liebe das. Somit holen wir am nächsten Tag unseren Mietwagen am Airport ab und starten in das ungewisse Abenteuer mit dem ersten Tagesziel – Las Vegas!
Schon die Ankunft in Vegas ist bereits überwältigend und wir fühlen uns wie zwei kleine Jungs im Bonbonladen. Nachdem wir den Strip einmal hoch und runter gefahren sind, suchen wir uns ein Motel für unseren Aufenthalt. Das Mädel, welches wir im ersten Objekt unserer Wahl hinter der Rezeption antreffen gibt uns gleich das Motel 6 als Tipp. Dort wären die Zimmer sehr viel besser und zudem noch billiger als in ihrer Bude. Nicht besonders geschäftstüchtig die Gute, aber absolut aufrichtig. Glück gehabt – wir sollten spielen gehen. Wir checken im Motel 6 ein (Anm. d. Red.: Wie danach auch jede weitere Nacht in jeder anderen Stadt die wir besuchen – wir sind eben Germans und brauchen unsere Rituale.). Nun ziehen wir los und gehen bis in die Nacht auf Fotosafari. Am nächsten Tag schauen wir uns das Ganze nochmal im Hellen an und gehen abends in einen Club. Hier finden wir es jedoch nicht besonders spektakulär und wollen gerade schon nach draußen gehen, als wir in der Eingangstür auf zwei Jungs treffen, die wie Rockstars aussehen in ihren Anzügen, mit den langen Haaren und den Sneakern. Wir kommen ins Gespräch und beschließen jetzt mal gemeinsam so richtig einen drauf zu machen. Ich gebe gerade einem der beiden ein High-Five, als mich Martyn antippt und meint, dass wir in das Auto da einsteigen sollen. Ich drehe mich um und vor uns steht eine schwarze Limousine. Ehe ich etwas sagen kann, sitze ich auch schon drin und blicke noch in die verdutzten Gesichter unserer flüchtigen Rockstar-Kumpels, als die Limo sich in Bewegung setzt. Welcome in America! Wie sich herausstellt ist Martyn vor der Tür des Clubs mit einem Typen namens Ryan ins Gespräch gekommen. Als dieser hörte, das er ursprünglich aus Holland kommt, waren wir auch schon eingeladen. Mit ca. 15 Leuten die alle ziemlich gute Stimmung haben, fahren wir ins Spearmint Rhinos – einem bekannten Gentlemans-Club – und halten uns dort eine Weile auf. Irgendwann ist es Ryan zu langweilig und er möchte die Feier in seine Hotelsuite verlagern. Die Suite ist im Ceasars Palace und verfügt über einen ziemlich guten Ausblick über Vegas. Hier stellt sich auch heraus warum wir für ihn so interessant sind. Er ist mit einem holländischen Model verheiratet und spielt mit ihr in einer holländischen Realityshow mit, in der es eben um Beziehungen zwischen holländischen Models und ihren Ehemännern in LA geht. Leider hat Ryan während der Show erfahren, dass seine Frau ihn betrügt und die Scheidung eingereicht. Die letzte Folge handelt über dieses Streitthema und leider spricht Ryan kein holländisch. Nun soll also Martyn mit ca. 3 Promille im Blut die Folge am Laptop übersetzen. Eine wirklich abgefahrene und lustige Nacht, die erst am nächsten Mittag zu Ende ist, als wir im Sonnenschein bei 38 Grad aus dem Hotel stolpern.
Tags darauf spielen (und gewinnen) wir noch kurz im Casino und starten mit einem kurzen Zwischenstopp am Hoover-Staudamm in Richtung Grand Canyon. Dieser ist wirklich unglaublich. Und zwar unglaublich touristisch, aber auch unglaublich schön. Es ist schon überwältigend was die Natur da geschaffen hat und man fühlt sich ziemlich klein zwischen dem riesigen Bergmassiv. Das nächste Ziel ist der Yosemite-Nationalpark, den wir aber leider ohne Schneeketten nicht anfahren dürfen. Es hat genau einen Tag vor unserer Ankunft angefangen zu schneien und so müssen wir 43 km vorher umkehren. Sehr ärgerlich. Da uns die Fahrten auf den endlosen Highways aber mordsmäßig Spaß machen, ist es zu verschmerzen. Wir steuern nun San Francisco an und checken – wo auch sonst – im Motel 6 in Downtown ein. Wir kommen gerade richtig zum St. Patrick´s Day und trinken mit lustigen grünen Gestalten an der Bar Minztee. Wir buchen eine BigBus-Tour (Anm. d. Red.: Das Sightseeing-Unternehmen, welches ich schon aus Hong Kong kenne.) und erkunden auf diese Weise die Stadt. Als wir im Oberdeck des Busses ohne Dach sitzen wundern wir uns, warum hier sonst kaum einer sitzt. Als wir über die Golden Gate Bridge brettern, macht es jedoch Klick. Hier fliegen wir nämlich fast weg und bekommen kaum noch Luft, bei dem Wind der versucht den Bus umzuwerfen. Die Golden Gate Bridge und im Hintergrund die alte Gefängnisinsel Alcatraz sind auch für uns beliebte Fotomotive und wir genießen die Aussicht. San Francisco ist überhaupt eine schöne Stadt mit vielen tollen Gebäuden. Trotzdem verzichten wir auf das obligatorische „I love SF“-Shirt. Am folgenden Tag fahren wir an der Küste zurück Richtung LA. Der Weg direkt entlang am Ozean ist einfach sehenswert und es begegnen uns viele tolle Eindrücke unterwegs. Am atemberaubendsten ist jedoch der Sonnenuntergang am Point Mugu in der Nähe LA´s. Mit Sicherheit einer der schönsten, die ich je erlebt habe. Wir machen nur kurz Halt in LA um im Golds Gym in Venice Beach (Anm. D. Red.: Wo auch schon Arnold Schwarzenegger sich seine Beulen geholt hat.) trainieren zu gehen. Dann geht es weiter nach Laguna Beach. Hierhin hat uns Ryan, den wir in Las Vegas kennenlernten, eingeladen. Da hatten wir allerdings noch keine Ahnung, dass dieses Fleckchen Erde zu den teuersten in den USA gehört und hier fast ausschließlich sehr wohlhabende Menschen leben. Diverse Reality-Shows wurden hier gedreht und somit ist dann auch klar, warum sich der gute Ryan für so etwas hergibt. Er ist jedenfalls ein prima Gastgeber und stellt uns seine Kumpels vor, mit denen wir ordentlich feiern gehen. Wir machen am nächsten Tag noch einen Abstecher nach San Diego und dann ist er auch schon gekommen – der allerletzte Tag meiner Reise.. Diesen verbringe ich mit Martyn und Ryan in Laguna Beach, wo ich mir die Eindrücke der letzten Monate noch einmal ins Gedächtnis zu rufen versuche. Ich genieße die letzten Momente am Strand und lasse die Situation auf mich wirken. Mit Wehmut im Herzen geben wir den Mietwagen am Airport LA zurück und ich verabschiede mich von Martyn, den ich ganz sicher in Deutschland wieder sehen werde.
Ich möchte einchecken und auf meine Frage nach einem Platz mit viel Beinfreiheit entgegnet mir der freundliche Mexicaner am Ticketschalter, das ich in einer Stunde nochmal wieder kommen soll, da er erst dann Platzreservierungen in meinem Flieger vornehmen kann. Gesagt, getan. Eine Stunde später stehe ich erneut vor ihm und er kämpft fluchend mit dem Computersystem. Dann entschuldigt er sich und geht für 15 Minuten ins Back-Office. Als er zurück kommt hat er eine gute und eine schlechte Nachricht für mich. Die gute Nachricht ist, dass er mich auf die Business-Class upgraden konnte. Die schlechte Nachricht ist, dass er das nur kann, weil mein ursprünglicher Flug inzwischen das Boarding eingestellt hat und ich eine Stunde später fliegen muss. Mein Ärger hält sich in Grenzen, da es mir nicht alle Tage passiert auf einem Langstreckenflug meine Beine ausstrecken zu können und im Luxus zu schwelgen. Adios muchacho and good by america!
Im Flieger von London nach Frankfurt sitze ich neben einer russischen Lehrerin, der ich auf russisch erzähle wie ich heiße und das ich einen Taschenrechner besitze. Mehr kann ich nämlich nicht mehr, aber der Flug ist trotzdem sehr kurzweilig. In Frankfurt renne ich zu meinem Zug nach Erfurt, da durch den unverschuldet verpassten Flieger in LA das Zeitfenster nun etwas knapp bemessen ist. Mein Bruder holt mich in Erfurt vom Bahnhof ab und es tut wirklich gut ihn wieder zu sehen. Wir verbringen einen schönen Abend in seiner Wohnung und fahren am nächsten Tag zu meiner Mum, die sich ebenfalls sichtlich über meine Rückkehr freut. So wie ich auch..


