Nach mehr als 22 locker fluffigen Stunden Flug, sehne ich mich nach einer Physiotherapie und der wieder einsetzenden Durchblutung meiner Gliedmaßen. Mein Sitznachbar ist einen halben Meter kleiner und erfreut sich offensichtlich bester Dinge. Noch im Flugzeug muss ich u.a. einen Zettel für zu verzollende Waren ausfüllen und stelle mit Erstaunen fest, dass nur 19 Zigaretten eingeführt werden dürfen. Beim Öffnen meines Daypacks streift mein Blick die 3 Schachteln Marlboro, die ich in Deutschland eingesteckt hatte und ich gehe kurz in Gedanken die vorhandenen Möglichkeiten durch.
1. Ich komme damit durch und habe kein Geld verschwendet. 2. Ich sitze noch heute Abend in einer dreckigen, kalten, dunklen chinesischen Gefängnisszelle zusammen mit anderen politisch Verfolgten, Vergewaltigern und Mördern und bitte heulend um ein Telefonat mit der deutschen Botschaft. Bin gut drauf, wähle Option 1. Laufe den Chinesen aus meinem Flugzeug nach und freue mich schon, dass alles ganz schnell zu gehen scheint. Da weißt mich ein kleiner Kerl mit weißen Handschuhen auf den Ausgang für Visitors hin und schickt mich wieder weg. Das hat er vorher anscheinend auch schon mit ca. 450 anderen gemacht, denn nun geht gar nichts mehr schnell. Wohlgemerkt bin ich noch nicht mal in der Halle mit dem Gepäckband angekommen. Vor dem Schalter steht ein Meer aus Leitsystemen, welche man durch eine Seite betreten und erst am Schalter selbst wieder verlassen kann. Idiotensicher also. Trotzdem steht an jeder einzelnen Ecke ein Chinese, der nicht müde wird den Leuten den ohnehin schon vorgezeichneten Weg aufzuzeigen und zu winken. Alle Achtung denke ich – die haben hier tatsächlich Facharbeiterüberschuss. Jeder Reisende wird genau überprüft, sein Pass wird gecheckt, er muss den Grund seines Aufenthaltes nennen und in eine Kamera schauen. Dann blickt ihm der Zollbeamte tief und grimig in die Augen und wartet darauf, dass der Reisende unter dieser seelischen Folter zusammenbricht und all seine Verbrechen gesteht. Ich setze mein freundlichstes Lächeln auf und werde schnell erlöst. In der Gepäckbandhalle steht nur noch ein einziger herrenloser Gepäckwagen rum. Den schnapp ich mir und los gehts. Naja, bis auf die Bremse, welche wohl der Grund für seine Verfügbarkeit ist. Egal denke ich, besser als tragen und schiebe den Wagen mit angezogener Bremse durch das Flughafengebäude. Noch 10 m bis zum Ausgang. Grünes Tor für nichts zu verzollen oder Blaues Tor für zollpflichtige Einfuhr? Der Plan steht ja eigentlich schon fest, also grün. Davor sitzen 3 Polizisten, die mich beobachten und ich frage mich noch, wie man sich am Besten unauffällig verhält. Da fällt es mir ein: Nicht.. darüber.. nachdenken! Doch dafür ist es ja jetzt wohl zu spät! Ob sie mir ansehen werden, was mir gerade durch den Kopf geht!? Ganz bestimmt werden sie das! Ich bin auf jeden Fall geliefert! Da sagt einer der Polizisten etwas auf chinesisch zu seinen Kollegen und alle fangen an zu lachen. Ich lache herzhaft mit und bin durch.
Am Flughafenausgang versuche ich erst einmal Hong Kong-Dollar abzuheben und beim 3. Automaten gelingt mir auch das. Dann mache ich mich auf die Suche nach einem roten Taxi (im Internet habe ich mich brav im Vorfeld darüber informiert, das nur die roten Taxis auf die Insel “Kowloon” fahren dürfen und da befindet sich mein Hostel) und verlasse den Flughafen. Die schwüle Wärme, die mir entgegenschlägt, lässt mich immer langsamer laufen. Ach nein, dass liegt erneut am Gepäckwagen, der sich nun noch schwerer schieben lässt. Ich steige in ein Taxi zu einem Mr. Tang, der aussieht wie der Chinese aus Hangover und frage ihn erst einmal, ob wir gerade morgens oder abends haben, da es um 6:15 Uhr bereits dunkel ist. Ich möchte mir ungern noch einen Schnitzer auf Grund irgend welcher zeitlichen Missverständnisse leisten (inzwischen nenne ich es einfach nur “Running-Gag”). Es ist Abends und los geht die ca. 45 minütige Fahrt zum lauschigen Schlafplatz. Wir kommen an unzähligen Wolkenkratzern vorbei und der Fahrer erzählt mir, dass es davon in Hong Kong ca. 8.000 gibt. Zum Vergleich – in New York gibt es ungefähr 4.000. Des Weiteren wohnen in Hong Kong über 7 Millionen Chinesen und in manchen 1-Raumwohnungen schlafen bis zu 8 Personen. Na da bin ich ja schon mal gespannt auf mein Hostel.
Der Taxifahrer hält in der “Nathan Road”, einer Straße die so beleuchtet ist wie der Timesquare und zeigt auf ein Gebäude. Darin befindet sich das “Australian Guesthouse” (ich fand den Namen irgendwie gut und habe nicht objektiv ausgewählt). Das Gebäude trägt den Namen “Chungking Mansion” und im EG befinden sich eine Menge Marktstände mit garantiert Original-Markenwaren, die von sehr vertrauenserweckenden Personen zu einem Millionstel ihres normalen Ladenpreises angeboten werden. Irgendwann finde ich in diesem Gewühle auch den Aufzug. Mein Hostel ist im 16. Stock. In den anderen Stockwerken gibt es noch das Tokyo-Hostel, das German Guesthouse, das New Zealand Guesthouse und einige mehr. Vor dem Fahrstuhl stehen eine lange Schlange und ein Security, dessen einzige Aufgabe es ist den Fahrstuhlknopf immer wieder zu drücken. Es gibt einen LCD-Bildschirm an der Wand, auf dem man die Leute im Fahrstuhl während ihrer Fahrt beobachten kann. Der Fahrstuhl hält in absolut jedem einzelnen Stockwerk und ist natürlich schon voll, bevor ich einsteigen kann. Ein neben mir stehender Hindu weißt den Security lapidar auf etwas am Boden hin und dieser zetritt eine Kakalake in der Größe eines Tennisballs, während er sich dabei weiter unterhält. Nach einer halben Stunde Warte- und Fahrtzeit bin ich endlich im 16. Stock und meinem Hostel angekommen. Ein freundlicher Inder am selbst zusammengebauten Tresen empfängt mich und zeigt mir das Zimmer für die heutige Nacht. Morgen müsste ich in ein kleineres umziehen, aber heute hat er nur noch eins mit großem Bett. Er schließt das Zimmer auf und geht vor, zeigt mir alles und bittet mich einzutreten. Ich weiße ihn darauf hin, dass unmöglich er, ich und mein Rucksack gleichzeitig Platz in diesem Zimmer haben werden. Das kleinere Zimmer wird bestimmt witzig..
Innerhalb von 2 Sekunden habe ich alles in meinem Raum gesehen und gönne mir eine Dusche. Das funktioniert folgender Maßen: Man legt alle vorhandenen Schalter um (es gibt davon 10) und hofft darauf, dass der richtige für den Warmwasserboiler dabei ist. Dann schließt man die Badezimmertür und setzt das Bad komplett unter Wasser. Das ganze Badezimmer fungiert dabei als Duschkabine, ist auch in etwa genau so groß. Frisch geduscht, zwei lange Fahrstuhlfahrten und einen Supermarktbesuch inkl. Stadtplankauf später, logge ich mich ins Free-WiFi ein und arbeitete noch ein paar Stunden. Dann probiere ich zusammen mit meiner Familie das erste Mal Skype mit Bildübertragung aus, was erstaunlich gut funktioniert. Noch schnell den neu erworbenen Stadtplan für Hong Kong rausgeholt und beim Lesen der chinesischen Straßennamen eingepennt. Der fehlende Schlaf zollt nun seinen Tribut.
Da man als Traveller ja schließlich etwas von seiner Umgebung sehen will, habe ich mir fest vorgenommen jetzt immer ganz früh aufzustehen. Gegen 11:30 Uhr trete ich also raus auf die Straße. Ich versuche mich zu orientieren und halte mich an einer Laterne fest, um nicht von den Menschenmassen auf dem Bürgersteig mitschleift zu werden. Mein Hungergefühl erinnert mich plötzlich daran, dass die Flugzeugdelikatessen meine letzte feste Nahrung waren und ich mache mich auf die Suche nach einem landestypischen Restaurant um die einheimische Esskultur besser kennen zu lernen. Nach ungefähr 20 m fällt mein Blick auf McDonalds und ich entschließe mich spontan dazu, mit den Experimenten erst am nächsten Tag anzufangen. Im McDonalds sind außer einer Hand voll Chinesen gerade nur Ausländer wie ich zu Gast, welche wohl den selben Plan hatten. Es gibt die typischen mir bekannten Sachen auf der Karte und zudem einige Exoten wie McReissuppe und Ähnliches.
Gut gestärkt und voller Tatendrang lasse ich den Reiseführer im Rucksack und folge einfach nur meinem Bauchgefühl. Das wird mich schon an genau die Orte führen, die für mich bestimmt sind, sage ich mir. Nachdem ich eine halbe Stunde später wieder vor dem gleichen McDonalds stehe, hole ich doch den Stadtplan raus und gehe Richtung Hafen. Auf dem Weg dahin werde ich alle paar Meter angesprochen, ob ich nicht Kleidung, eine Uhr, oder eine Massage benötige. Ich lehne ununterbrochen dankend ab und versichere, dass ich alles habe was ich brauche. Im Hafen bietet sich mir der erste imposante Blick auf die Skyline des gegenüber der Insel „Kowloon“ befindlichen Stadtteils „Central“. An dieser Stelle ist auch das erste Mal ein richtig breites Grinsen auf meinem Gesicht und ich spüre eine große Freiheit.
Die Star Ferry-Gesellschaft befördert die Einwohner Hong Kongs im 15-Minutentakt zwischen den beiden Inseln hin und her. Da sie auch Hafenrundfahrten anbietet, entschließe ich mich dazu, mit einer solchen zu beginnen. Am Anlegesteg des Schiffs steht eine einzige Frau, die nicht asiatisch aussieht und ab dem Moment wo sie mich auch sieht, sind wir im Gespräch. Ihr Name ist Ann, sie ist 56 Jahre alt und kommt aus London. Wir gehen zusammen aufs Oberdeck der Fähre und haben eine sehr interessante Diskussion über die Kulturen Chinas, Englands und Deutschlands. Ganz nebenbei schieße ich einige Fotos vom Hafen. Ann hatte am Tag zuvor Geburtstag, fühlt sich eigentlich wie Mitte 20 und macht einen Zwischenstopp in Hong Kong auf dem Weg nach Neuseeland (woher ihre Familie ursprünglich stammt), um dort eine Art Ahnenforschung betreiben, da sie ihrer sterbenden Mutter versprochen hat die Familienchronik aufzuschreiben. Wow! Klasse Frau. Sie lobt sogar mein Englisch, diese charmante Schwindlerin. Sie wollte wohl einfach nur nett sein. Das ist sie aber auch wirklich, denn zum Abschied schenkt sie mir noch einen Hong Kong City-Guide, der meinen chinesischen Stadtplan um Längen schlägt.
Nachdem ich den Hafen bereits vom Wasser aus kennen gelernt habe, gehe ich nun am Pier entlang zur „Avenue of Stars“, einer direkt am Wasser gelegenen Kopie des „Hollywood Walk of Fame“. Nur das die Handabdrücke der lokalen Stars etwas kleiner sind. Jackie Chan und Bruce Lee kenne ich noch. Der Rest ist mir unbekannt. Kurz im Starbucks Pause gemacht und mit dem Login des WiFi´s gekämpft – weiter geht’s. Erneut werde ich von einem Chinesen angesprochen, der mir etwas anbieten möchte, was ich unbedingt brauche. Aus irgendeinem Grund bleibe ich diesmal stehen und höre mir sein Angebot an. Er ist von “BigBus-Tours” und verkauft Tickets für Sightseeing-Bustouren in englischen Doppeldeckern mit offenem Oberdeck. Die Busse fahren Tag und Nacht auf verschiedenen Routen quer durch alle Stadtteile und man kann dabei mit Kopfhörern in verschiedenen Sprachen Hintergrundinformationen zur Kultur und der Stadt erhalten. Das Ticket wäre ganze 48 Stunden lang gültig und kostet umgerechnet knapp 30 EUR. Kurz überlegt – zugeschlagen. Da direkt an dieser Stelle der nächste Bus bereits 10 Minuten später vorbei kommt, entschließe ich mich dazu diesen zu nehmen und mir so erst einmal einen Überblick über die Stadt zu verschaffen.
Die Route führt uns einmal quer durch Kowloon und ich merke, dass ich eine gute Entscheidung getroffen habe. Eine wirklich entspannte Art, um Hong Kong näher kennenzulernen und die Stadt ist tatsächlich unglaublich. Zwischen neu erbauten Hochhäusern mit Einkaufscentern und Geschäften wie Gucci oder Prada, stehen alte, verlotterte Gebäude, wo die Wäsche zum Trocknen an den Fenstern hängt und davor riesige Baugerüste aus Bambus die bis zum 20. Stock hoch reichen. Dieser Mix aus Tradition und Moderne übt eine gewisse Faszination auf mich aus. Das Straßenbild wird überall dominiert von riesigen Werbetafeln und Hinweisschildern.
Als die Tour endet, gehe ich kurz zurück ins Hostel, um in mein neues Zimmer umzuziehen. Ein anderer Inder sitz diesmal an der Rezeption und nimmt mich mit in den 14. Stock. Hier befindet sich das „Tokyo-Hostel“, welches auch von meinen Gastgebern verwaltet wird und bis auf den Namen absolut identisch mit dem „Australian Guesthouse“ ist. In der Mitte des Flurs öffnet er die Tür zu meinem neuen Zimmer. Ich war ja bereits darauf vorbereitet das es noch kleiner als das letzte sein wird, aber wo ist denn bitte das Fenster? Der Inder bestätigt mir, dass ich es nicht übersehen habe – es gibt einfach keins. Er kümmert sich aber gerne darum, dass ich am nächsten Tag erneut in ein anderes Zimmer mit etwas Frischluft umziehen kann. Mit dieser Antwort gebe ich mich zufrieden, lasse mich noch in der Tür stehend einfach fallen und liege im Bett.
Ich habe mir vorgenommen die Bustour, welche ich bereits tagsüber mitgemacht hatte, am selben Tag noch einmal bei Dunkelheit anzuschauen. Die Nighttour ist ein imposantes Erlebnis und die nun leuchtenden Reklameschilder in der Stadt, sind unvergleichlich. Erst recht die nun beleuchtete Skyline der Wolkenkratzer von Central. Den automatisch angesagten Text des Guides über die Kopfhörer kann ich inzwischen schon fast auswendig und schließe insgeheim Wetten darauf ab, dass ich schon vorher weiß an welcher Ecke wir uns gleich befinden werden. Manchmal habe ich Recht.
Nach der Tour ist es mal wieder Zeit fürs Essen und ich finde ein tolles Sushi-Restaurant. Ist zwar japanisch denke ich mir noch beim Betreten aber Japan liegt ja gleich nebenan. Zur Begrüßung stellt mir eine junge Chinesin erst einmal einen großen Becher mit einer warmen klaren Flüssigkeit auf den Tisch. Ich bin mir nicht ganz sicher ob ich den Inhalt trinken, oder meine Hände darin waschen soll. Erst recht nicht nachdem ich es gekostet habe. Auf dem Fließband vor mir fährt ein leckerer Fisch nach dem anderen vorbei und ich esse mich ordentlich satt. Wieder zurück im Hostel wird noch etwas gearbeitet und die Augen fallen mir beim Rückblick auf die vielen neuen Eindrücke des ersten Tages schließlich ermüdet zu.
Den nächsten Tag beginne ich so wie den ersten – mit einem ausgedehnten, gesunden Frühstück bei McDonalds. Dann bewege ich mich Richtung Hafen, setze mit der Star Ferry nach Central über und suche die Abfahrtsstation der BigBus-Tours. Heute steht die Erkundung des Stadtteils Central inkl. Besuch der „Peak Tram“ (eine alte Seilbahn, die zum höchsten Aussichtspunkt Hong Kongs hinauf fährt) auf dem Plan.
Der Bus fährt uns vorbei an der Oper (welche ein wenig an die in Sydney erinnert), durch den City Jungle der gesäumt ist von unzähligen riesigen Wolkenkratzern und vielen Menschen auf der Straße, bis hin zu „The Peak“. Hier steige ich aus und stelle mich an, ganz so wie das gerade auch 523 andere Touristen machen. Es gibt nur eine Bahn mit 2 Wagons und in diese passen ca. 80 Personen. Alles klar, hier stehe ich also noch ein Weilchen. Einige Zeit sehr viel später bin auch ich an der Reihe, kann einsteigen und die Tram setzt sich in einem Neigungswinkel von ca. 80° in Bewegung, Richtung Berggipfel. Oben angekommen geht es mit ungefähr 30 Rolltreppen weiter bis ganz hinauf auf das Dach des Gebäudes, in dem es allerlei Touristenkram und Restaurants gibt. Die Aussicht ist einfach überwältigend. Auf Grund des guten Wetters kann man über ganz Hong Kong schauen und es wird einem bewusst, wie riesig diese Stadt doch ist. Da unten bewegen sich also gerade ca. 7 Millionen Menschen. Lustig.
Irgendwann haben sich meine Augen an dem schönen Panorama satt gesehen und ich will nun meinem Magen das gleiche Gefühl verschaffen. Ich entscheide mich für „Bubba Gump Schrimp Co.“, nur 16 Rolltreppen tiefer. Man weist mir einen Tisch gleich am Fenster zu und so kann ich die tolle Aussicht auch hier genießen. An der Fensterfront stehen 5 Tische und daneben 12 Kellnerinnen, die für diese zuständig sind. Da nur zwei der Tische gerade in Beschlag genommen werden, ist, sobald ich auch nur zucke, eine der Kellnerinnen neben mir. Obwohl sie doch extra Signalschilder auf den Tisch gestellt haben: 1. „Run, Forrest, Run!“ für „Ich wär dann soweit und möchte bestellen!“ und 2. „Stop, Forrest, Stop!“ für „Nee, ich bin mir noch nicht ganz sicher.“. Die Augen sämtlicher Kellnerinnen auf mich gerichtet, entschließe ich mich dazu, heute mal etwas schneller zu essen, denn die Situation ist ziemlich unentspannt. Nach dem Lunch gehe ich zur Abfahrtsstation der Tram und stelle mit großer Freude fest, dass auch alle anderen 523 Touristen wieder hier sind. Nach einer gefühlten Ewigkeit komme ich wieder unten an und setze meine Bustour fort. Die Fahrt endet wieder am Central Pier und ich nehme die Fähre zurück nach Kowloon. Inzwischen wird es auch dunkel und ich gehe zurück ins Hostel, wo ich noch ein wenig arbeite.
Gegen 20 Uhr schnappe ich mir meinen City-Guide und mache mich zu Fuß auf den Weg zu „Ladies Market“ und dem „Temple Night Market“, zwei weiteren touristischen Attraktionen, die man angeblich unbedingt gesehen haben muss. Sah auf der Karte gar nicht weit aus, war es aber doch. Meine Füße sind kurz davor zu streiken als ich mein Ziel endlich erreiche. Hunderte von Marktständen erstrecken sich vor mir und jeder Stand bietet einen noch größeren Schrott an, als der zuvor. Das sind also die berühmten Märkte. Na der Weg hat sich ja gelohnt. Auf dem Ladies Market kann man angeblich einheimische Spezialitäten essen, die direkt an der Straße zubereitet werden. Das möchte ich gerne ausprobieren, denn schließlich interessiert mich die einheimische Küche noch immer sehr. Als ich jedoch feststelle, unter welchen hygienischen Bedingungen das Essen hergerichtet wird und Fliegen, Hunde, Katzen und andere Tiere die ich noch nie zuvor in meinem Leben gesehen habe, drum herum streunen, entscheide ich mich pro Gesundheit und trete den Gewaltmarsch zurück zum Hostel an. So ist das eben mit Vorurteilen. Entweder man hat sie, oder man hat sie nicht.
In der Gegend in der sich das Hostel befindet, suche ich mir jetzt ein richtiges chinesisches Restaurant aus Stein, mit Dach und komplett eingerichteter Küche, um nicht gänzlich kulinarisch abzuloosen. Ich entdecke einige Köstlichkeiten auf der Karte und gebe meine Bestellung auf. Meine erste Wahl haben sie heute leider nicht mehr. Na gut, dann nehme ich eben das hier. Ist auch aus!? Das ist ja schade. Na dann eben dieses. Nicht da!? Momentmal, was haben sie denn überhaupt? Ach so. Ja dann nehme ich eben 10 Frühlingsrollen. Während ich esse, wird plötzlich das Licht gedimmt, die Musik ausgemacht und die Tür von innen abgeschlossen. Alle Achtung – wenn die hier Feierabend haben, dann machen sie aber echt keine Kompromisse!
Zurück im Hostel gibt mir der Inder vom letzten Mal den Schlüssel zu meinem neuen Zimmer, in dem sich nun auch ein richtiges Fenster befindet. Er fragt mich, wann ich denn eigentlich abreise und ich nenne ihn den 04.12., da an diesem Tag auch mein Weiterflug erfolgt. Daraufhin runzelt er die Stirn, blättert in seinem schlauen Buch mehrmals hin und her und sagt mir, ich hätte aber nur bis Sonntag den 03.12. gebucht. Na prima! Typisch ich. Wie konnte mir denn das schon wieder passieren? Hat er vielleicht noch ein Zimmer für eine weitere Nacht? Hat er – alles in Ordnung. Ich kann noch eine Nacht länger in meinem neuen Raum bleiben. Puh, dieses Gespräch war ja mal wieder schicksalhaft. Vielen Dank für den Hinweis, Mate!
Erneut begebe ich mich Samstagmorgen zum Hafen und setze mit der Fähre nach Central über, um von hier aus eine weitere Bustour zu machen. Diesmal geht es durch einen langen Tunnel auf die andere Seite des Berges nach „Stanley“, was ca. 25 Minuten Fahrt bedeutet. In diesem Stadtteil befinden sich die teuersten Immobilien Hong Kongs.
Nachdem wir den Tunnel verlassen haben und wieder den blauen Himmel sehen können, weiß ich auch warum. Vor uns erstreckt sich eine lange Bucht mit Sandstränden, dem glitzernden Meer und vor Anker liegenden großen Yachten. Irgendwie beschleicht mich das Gefühl, gerade eben durch ein schwarzes Loch nach St. Tropez gereist zu sein. Die Sonne spiegelt sich im Wasser und am Strand wird Beachvolleyball gespielt. Der Bus hält im Zentrum von Stanley an und ich steige aus. Hier gibt es nun den „Stanley Market“ zu entdecken. Im Vergleich zum „Ladies-” und dem „Temple Night Market“ ist der Ramsch hier etwas hochwertiger. Zwischendurch sieht man immer mal wieder kunstvolle Gemälde oder sonstige Sachen, die ich tatsächlich irgendwie als schön beschreiben würde. Nachdem ich alles gesehen habe, setze ich mich auf die Terrasse einer Bar an der Promenade und beobachte bei einem Heineken das entspannte Leben um mich herum. Ich schaffe es gerade noch so den letzten Bus zurück nach Central zu erwischen und vermisse jetzt das erste Mal auf der Reise eine Jacke. Die Luft hat sich inzwischen merklich abgekühlt und der Busfahrer isst heute zeitig zu Abend. Er prescht die Serpentinen entlang, dass die Reifen nur so quietschen. Klar, denke ich, ich könnte mich auch nach unten in den windgeschützten Bereich des Buses setzen, aber ich habe mir schließlich nicht inzwischen einen Bart wachsen lassen, um jetzt als Weichei durchzugehen. Völlig durchgefroren steige ich am Central Pier aus und fahre mit der Fähre zurück nach Kowloon. Gerade noch früh genug, um pünktlich die spektakuläre Lightshow der Skyscraper Centrals zu beobachten und zu fotografieren. Am Pier von Kowloon haben sich dafür inzwischen viele Menschen eingefunden und Punkt 20 Uhr beginnt Musik aus Lautsprechern die Promenade zu beschallen. Im Takt der Musik wechselt die Beleuchtung der Wolkenkratzer auf der anderen Wasserseite ihre Farben. Absolutely awesome! Nach einer halben Stunde ist das Schauspiel vorbei und ich bleibe noch etwas am Hafen um fleißig weiter zu fotografieren. Irgendwann wird es mir aber zu langweilig und ich gehe noch etwas essen.
Später, wieder zurück im Hostel, skype ich noch etwas mit Freunden zu Hause bis ich schließlich müde bin und noch kurz unter die Dusche springe. Inzwischen ist es Sonntagnacht, gegen 1 Uhr. Keine Ahnung warum, aber mitten beim Duschen kommt mir plötzlich ein witziger Gedanke. Ich könnte doch nochmal meinen Flugplan anschauen und die Abflugzeit am übernächsten Tag checken bevor ich schlafen gehe. Wir wollen doch nicht wieder einen Fehler machen – nicht wahr? Als ich meinen Flugplan und den Kalender aufschlage, werden meine kleinen müden Augen plötzlich ganz groß! So müde bin ich auch auf einmal gar nicht mehr. Wie gesagt, wir haben inzwischen Sonntag. Jedoch ist nicht Sonntag der 03.12., wie mein indischer Freund mir am Tag zuvor erzählt hat, sondern Sonntag der 04.12.! Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass mein Flug in einigen Stunden geht. Herrje. Ich brauche ganz dringend einen Assistenten, der auf mich aufpasst.. An Schlaf ist nun natürlich nicht mehr zu denken und ich packe meine sieben Sachen zusammen. Den lieben Indern hinterlasse ich noch einen schriftlichen Abschiedsgruß im Zimmer und nehme ein Taxi zum Flughafen. Rechtzeitig am Flughafen eingetroffen, gehe ich direkt zum Check Inn, durch den Sicherheitsbereich und zu meinem Abfluggate. Mal wieder geschafft und gerade nochmal gut gegangen.
Am Abfluggate setzen sich zwei Jungs neben mich und ich könnte schwören, das einer der beiden damals mit mir in einem Zimmer bei der Bundeswehr war. Nur ca. 60 cm gewachsen ist er. Nicht der mit den langen Haaren und dem Sombrero auf dem Kopf, nein der andere. Das wäre ja wohl aber ein zu krasser Zufall. Plötzlich unterhalten sich die beiden auch noch auf Deutsch mit einem lustigen Akzent. Ich spreche sie an und erfahre, dass es sich doch nicht um meinen alten Kameraden handelt. Sie kommen aus Mannheim und haben die Nacht durchgemacht. Jetzt sind sie – so wie ich – auf dem Weg nach Bali..




Mein lieber Marcus,
Du musst unbedingt Fotos vom kleinen und vom noch kleineren Zimmer hochladen. :)
Freue mich auf neue Geschichten.
Bussi, Denise
Done! ;-)